Geschichte der Sektion

Dietmar Waterkamp

Die Sektion International und Interkulturell Vergleichende Erziehungswissenschaft der DGfE ging hervor aus einer Gruppierung deutscher Komparatisten in der Comparative Education Society in Europe (CESE). Diese wurde 1961 in London gegründet und bildete nach und nach Untergruppierungen unter sprachlichen und geographischen Aspekten, welche Forschung und Lehre der Vergleichenden Erziehungswissenschaft an den jeweiligen Universitäten stärken sollten. Neun deutsche Komparatisten waren an der Gründung der CESE beteiligt und beförderten im Jahre 1966 die Bildung einer deutschsprachigen Kommission in der CESE. Gleichzeitig mit dieser Zuordnung etablierten sie ihre Gruppierung auch als Kommission Vergleichende Erziehungswissenschaft in der seit 1964 existierenden Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE). Es wurde die erste Kommission der DGfE.

Die zunächst jährlich, dann zweijährlich stattfindenden Treffen der Kommission Vergleichende Erziehungswissenschaft waren thematisch geprägt durch Fragen der Methodologie des Vergleichs und beeinflusst durch die Situation des geteilten Europa, die vor allem als ein Ost-West-Problem wahrgenommen wurde. Die Zugehörigkeit zur CESE bot die Chance, das wissenschaftliche Gespräch über die Grenzen hinweg zu intensivieren und Forschungsansätze und Themenfelder zu erweitern. Innerhalb der Kommission lagen Zentren der Komparatistik in den Universitäten von Bochum, Marburg, Münster, Heidelberg, Berlin (Freie Universität), Oldenburg, Hamburg, Frankfurt. Bedeutsam waren auch außeruniversitäre Institutionen wie das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt/M., das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, ferner war das schon 1953 gegründete UNESCO Institute of Education in Hamburg ein Gesprächpartner deutscher Komparatisten.

Die Reflexion der weltpolitischen Konstellationen auf die Vergleichende Erziehungswissenschaft zeigte sich nicht nur in Bezug auf den Kalten Krieg, sondern auch auf die Dekolonisierung zahlreicher Gebiete der Erde und die Entstehung neuer Staaten, die sich längere Zeit unter der Bezeichnung „Dritte Welt“ sammelten und von Seiten der westlichen Staaten als Entwicklungsländer bezeichnet wurden. 1978 bildete sich aus der Kommission „Vergleichende Erziehungswissenschaft“ heraus eine neue Kommission der DGfE unter der Bezeichnung: Kommission Bildungsforschung mit der Dritten Welt. Sie nahm nicht nur bisher wenig thematisierte Regionen der Welt neu in den Blick, sondern forderte auch eine neue Forschungskultur ein, da Forschung zum Nutzen der Entwicklungsländer und mit ihnen gemeinsam betrieben werden sollte und sich somit der Vorstellung einer objektiven vergleichenden Forschung von außen her entledigen sollte. Damit vollzog sich in der deutschen Vergleichenden Erziehungswissenschaft eine inhaltliche und organisatorische Entwicklung, die z.B. in den USA und England schon vorher eingesetzt hatte, und sich ähnlich auch in der DDR manifestiert hatte. Die beiden Kommissionen hatten zwar Gemeinsamkeiten, standen jedoch auch kontrovers zueinander.

Ein besonderer Zweig in der Vergleichenden Erziehungswissenschaft entwickelte sich seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ausgehend von der Universität Hamburg und bestimmte seitdem die Agenda besonders der Kommission „Vergleichende Erziehungswissenschaft“ mit. An der Universität Hamburg bildete der aus England stammende Professor für Vergleichende Erziehungswissenschaft T. Neville Postlethwaite Nachwuchswissenschaftler in den Methoden der empirischen Bildungsforschung, insbesondere der international vergleichenden Schulleistungsmessung aus. Die Schüler Postlethwaites wirkten in der Folgezeit an den internationalen Leistungsvergleichen mit, die von der International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) durchgeführt wurden. Insbesondere die TIMSS-Studien der IEA und die PISA-Studien der OECD wurden seit ca. 2000 ein wiederkehrendes Thema in den Konferenzen der Kommission bzw. später der Sektion. Offen ist, ob die Gründung der Gesellschaft für Empirische Bildungforschung im Jahre 2012, bei der profilierte Mitglieder der Sektion mitwirken, zu einer Ausdünnung des Themas „Internationale Schulleistungsvergleiche“ in der Sektion führen werden.

Als eine jüngere Reflexion der weltpolitischen Konstellation kann die Gründung einer weiteren Kommission in der DGfE gesehen werden, die 1992 erfolgte. Ihr Name „Interkulturelle Bildung“ weist auf ihr Ziel hin, nämlich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem weltweiten Phänomen der Migration für die Erziehungswissenschaft zu leisten. Dieser Ausgangspunkt schließt wie schon im Falle der Bildungsforschung mit der Dritten Welt die Arbeit an einer neuen Forschungskultur ein, die sich der Selbstverständlichkeit des eigenen Kulturzusammenhangs entledigen muss, um sich der Heterogenität der Biographien, der Erfahrungen und Sichtweisen der Menschen annähern zu können, deren Erleben gemeinsam mit ihnen erforscht werden soll. Zunächst gab es zwischen dieser neuen Kommission und der Kommission „Vergleichende Erziehungswissenschaft“ nur wenige Kontakte, obwohl das Thema „Kulturen“ in der Kommission Vergleichende Erziehungswissenschaft durchaus präsent war, allerdings nicht unter dem Gesichtspunkt der Dynamik einer Vermischung der Kulturen. 1999 wurden durch eine neue Verbandspolitik der DGfE die zahlreich gewordenen Kommissionen in Sektionen organisiert, und die drei Kommissionen (Vergleichende Erziehungswissenschaft, Bildungsforschung mit der Dritten Welt und Interkulturelle Bildung) wurden Untergruppen der neu geschaffenen Sektion International und Interkulturell Vergleichende Erziehungswissenschaft (SIIVE) der DGfE. Mit ca. 200 zahlenden Mitgliedern wurde sie eine mittelgroße Sektion unter den 14 Sektionen der DGfE. Die Forschungskulturen und Wissenschaftssprachen der drei Kommissionen traten in einen noch anhaltenden Austausch miteinander.

2005 folgte die Zusammenlegung der Kommissionen „Vergleichende Erziehungswissenschaft“ und „Bildungsforschung mit der Dritten Welt“ zur Kommission Vergleichende und Internationale Erziehungswissenschaft. Die Vorstellung der drei Welten war infolge mehrerer weltpolitischer Entwicklungen der „Eine Welt“- Sicht gewichen. .

Die Zielorientierung „Eine Welt“ enthält ökologische und friedenspolitische Intentionen. Beide hatten bereits in der früheren Kommission „Bildungsforschung mit der Dritten Welt“ eine Bedeutung. Nachdem sich die Kommission „Umweltbildung“ der DGfE umbenannt hatte in Kommission „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“ (BNE), wurden die Schnittmengen mit der früheren Kommission deutlich, daher entschloss sich die Kommission BNE nach gemeinsamen Tagungen, sich als Kommission der SIIVE anzuschließen. Die SIIVE vereinigt seitdem wieder drei Kommissionen.

Im Jahre 1970 wurde der World Council of Comparative Education Societies (WCCES) als Vereinigung der nationalen und regionalen Gesellschaften für die Vergleichende Erziehungswissenschaft gegründet und hält seitdem dreijährig Weltkongresse ab. Die Kommission „Vergleichende Erziehungswissenschaft“ trat früh dem WCCES bei, der inzwischen ca. 40 Gesellschaften vereint. Die Mitgliedschaft ging an die SIIVE über, die diese Verbindung weiterhin pflegt.